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(Eine Artbeschreibung - von Dipl. Biol. Christoph Chucholl)
Orconectes (Trisellescens)
immunis (Hagen, 1870)
Kaliko/ Papershell Crayfish
Kalikokrebs
Erkennungsmerkmale
Haarbüschel auf der Innenseite der großen Scheren (am Scherengelenk) und am
ersten Laufbeinpaar (Abb.1, 2b - oft nur unter Wasser gut erkennbar!).
Beweglicher Finger der großen Scheren an der Schneidekante mit einer Einkerbung,
gefolgt von einem deutlichem Zahn (Abb.1, 2b).
Die Rückenfurchen laufen eng zusammen, sind aber nie völlig geschlossen. Ein
deutlicher Nackendorn seitlich hinter der Nackenfurche (selten 1-2, deutlich
kleinere Nebendornen, vgl. Abb. 2a). Carapax ansonsten glatt und unbedornt. Ein
Paar Hinteraugenleisten (cgl. Abb 2a). Das Rostrum erscheint in der Aufsicht
dreieckig bis trapezförmig, am Ansatz relativ breit (ähnlich wie bei Procambarus),
ohne Rostrumzähne. Der Enddorn des Rostrums ist relativ kurz.
Die Grundfärbung ist sehr variabel, von schmutzig beige (selten leicht rosa)
über blau-grau bis ins bräunlich-olive. Der Rücken oft mit angedeuteter, heller
Rautenzeichnung (kann aber auch völlig fehlen). Teilweise wird auch eine
Marmorierung sichtbar (Abb. 4). Die Unterseite ist deutlich heller als die
Oberseite. Regelmäßig treten auch rein blaue Farbmorphen auf.
Die Spitzen der Scherenfinger sind bereits bei juvenilen Krebsen rot, seltener
orange gefärbt. Ein anschließender dunkler Ring wie beim Kamberkrebs fehlt. Im
Winterhalbjahr sind die Scheren z.T. kräftig rosa bis violett gefärbt (Abb. 1).
Wie der Signalkrebs vermag auch der Kalikokrebs die Scheren bis weit nach hinten
über den Carapax zu heben (ein Bestimmungsmerkmal, das bei lebenden Tieren oft
einprägsam ist).
Die wichtigsten Unterschiede zum im Rhein syntop vorkommenden Kamberkrebs (Abb
2, 4):
Ø keine Wangendornen (cf. Abb. 2c - Wd)
Ø Haarbüschel (Abb. 2b - Hb)
Ø kurzer Enddorn am Rostrum (Abb. 2 - Ac)
Ø keine dunkle Binde an den Scherenfingern (Abb. 1, 4)
Verbreitung in Europa
Der Kalikokrebs wurde erstmals 1997 sicher in Europa nachgewiesen (unbestätigter
Einzelfund 1993). Der Erstfundort ist ein kleiner Kanal in der Rheinebene
südlich von Karlsruhe (DEHUS et al. 1999). Im Jahr 1998 umfasste das Areal von
O. immunis gerade einmal 2 km2; 6 Jahre später hat sich die Art in der
Oberrheinebene zwischen Mannheim und Achern auf ca. 95 km Länge erfolgreich
etabliert und zeigt weitere Ausbreitungstendenzen (siehe GELMAR et al. 2006 für
genaue Fundortangaben).
Herkunft
Orconectes immunis kommt wie alle Orconectiden aus Nordamerika. Sein
Verbreitungsareal reicht von Colorado/ Wyoming im Westen bis in die
Neu-Englischen Staaten, nördlich bis Ontario und Manitoba (Kanada) und südlich
bis nach Mississippi/ Alabama (26 US Bundesstaaten + 3 kanadische Provinzen).
Eingeschleppte (allochthone) Vorkommen existieren in Teilen Kanadas, in
Colorado, sowie in New York und den Bundesstaaten östlich davon. Als
Verbreitungsvektor ist das `bait fishing´ im Verdacht (Köderzucht, oder
entkommene Ködertiere).
Wie die Art nach Europa gelangte ist unklar. Eine Einfuhr über den
Aquarienhandel oder den Gebrauch als lebender Angelköder ist denkbar.
Habitat
In seinem natürlichen Verbreitungsgebiet bewohnt der Kalikokrebs vorzugsweise
vegetationsreiche, stehende oder langsam fließende Gewässer mit schlammigem,
weichem Bodengrund und ist auch in saisonal austrocknenden Gewässern zu finden.
Orconectes immunis kann, ähnlich wie Procambarus clarkii,
beträchtliche Distanzen an Land zurücklegen und in künstlichen Habitaten wie
Reisfeldern, Straßengräben und Fischteichen hohe Bestandsdichten erreichen
In Europa ist der Kalikokrebs in einem weiten Spektrum von Gewässertypen
anzutreffen. Er besiedelt erfolgreich Baggerseen und Kiesgruben, temporäre
Augewässer, den Rhein, kleine Kanäle und auch rascher fließende Bäche.
Lebenszyklus
Abweichend vom typischen Orconectes - Muster (Frühjahrbrüter, vgl.
Kamberkrebs), kann der Kalikokrebs bereits über den Winter reproduzieren. Die
Paarungszeit reicht vom Spätsommer bis ins Frühjahr des Folgejahres. Ein
Weibchen kann ab Oktober bis zu 500 Eier (selten, meist ca. 50-300) tragen, die
Jungkrebse schlüpfen je nach Witterung ab April (meist im Mai).
Die Jungtiere weisen ein sehr rasches Jugendwachstum auf, unter günstigen
Bedingungen können große Teile der YoY-Kohorte innerhalb von 3-4 Monaten
geschlechtsreif werden. Das Höchstalter liegt im Freiland bei drei, selten vier
Jahren (i.d.R. große Weibchen).
Grabverhalten
Der Kalikokrebs kann komplexe, tiefe Gangsysteme anlegen. Eingänge von
immunis-Gängen säumen bei hohen Populationsdichten häufig die Ufer und sind
auch regelmäßig über der Wasserlinie zu finden (Abb. 3). Einem Trockenfallen
oder Durchfrieren der Gewässer kann der Kalikokrebs durch Rückzug in die Gänge
entgehen. Trächtige Weibchen ziehen sich i.d.R. im Winterhalbjahr tief in die
Gänge zurück und verlassen diese erst wieder im Frühjahr (beim Schlupf der
Jungen).
Ökologischer Impact
Das Auftreten des Kalikokrebses hat vermutlich bedeutende, ökologische Folgen
für die Lebensgemeinschaften des Rheins und seiner Nebengewässer (Flusskrebse
sind wichtige Schlüsselarten für die Strukturierung von Lebensgemeinschaften).
In Teilen des Rheins scheint der Kalikokrebs den Kamberkrebs zu verdrängen.
Höhere Aggression, rascheres Wachstum und saisonal frühere Reproduktion werden
als Verdrängungsmechanismen diskutiert.
Im Rhein selbst kommen praktisch keine heimischen Flusskrebse mehr vor, doch hat
der Kalikokrebs gezeigt, dass er, anders als der Kamberkrebs, auch in kleinere
Seitengewässer aufsteigen kann. Dort kann er bisher isolierten Reliktbeständen
der heimischen Arten durchaus gefährlich werden. Wie bei allen Flusskrebsen aus
Nordamerika ist auch beim Kalikokrebs davon auszugehen, dass er ein Überträger
der Krebspest ist! Fischerei- und Wassersport-Ausrüstung (inkl. Kleidung,
Reusen, Boote, Netze) die in Gewässern mit Kalikokrebsen benutzt wurden, sollte
vor jedem Gebrauch in anderen Gewässern gründlich getrocknet werden.

Abbildung 1: Kalikokrebs Form - Männchen
Gut zu sehen sind die Haarbüschel an der Innenseite der Scheren.
Photo: J. Keicher

Abbildung 2: Unterscheidungsmerkmale von Kaliko- (a, b) und Kamberkrebs (c)
Ac = Acumen (apikale Spitze des Rostrum), Hb = Haarbüschel, Wd = Wangendornen
Zeichnung: C. Chucholl

Abb. 3: Eingang zu einem O. immunis Gang.
Photo: C. Chucholl

Abb. 4: "marmorierter" Kalikokrebs (links), Kamberkrebs (rechts).
Photos: C. Chucholl
Literaturangabe (Auswahl):
Chucholl, C. (2006) Konkurrenz zwischen zwei Neozoen:
Verdrängungs-Mechanismen zwischen Kamberkrebs (Orconectes limosus,
Crustacea: Decapoda) und Kalikokrebs (O. immunis). Diplomarbeit, Univ.
Ulm
Dehus P, Dussling U and
Hoffmann C (1999) Notes on the occurrence of the calico crayfish (Orconectes
immunis) in Germany. Freshwater Crayfish 12: 786-790.
Gelmar C., F. Pätzold, K.
Grabow & A. Martens (2006) Der Kalikokrebs Orconectes immunis
am nördlichen Oberrhein: ein neuer amerikanischer Flusskrebs breitet sich
schnell in Mitteleuropa aus (Crustacea: Cambaridae). Lauterbornia 56: 15-25
Tack, I.P. (1941) The
Life History and Ecology of the Crayfish Cambarus immunis HAGEN. American
Midland Naturalist, 25(2):420 - 446
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