Flusskrebse

Systematik und Verbreitung

Flusskrebse zählen zu den größten wirbellosen Bewohnern in Gewässern. Mit Ausnahme von Afrika, der Antarktis und dem Indischen Subkontinent kommen sie auf sämtlichen Kontinenten der Erde vor.

In taxonomischer Hinsicht werden Flusskrebse auf Grund ihrer zehn Schreitbeine zur Gruppe der Zehnfußkrebse (Decapoda) gerechnet, welche wiederum zu den höheren Krebstieren gehören (Malacostraca). Die Unterordnung der Großkrebse (Astacidea), die den Decapoda angehört, wird in zwei Überfamilien unterteilt, jene der Astacoidea (Astacidae und Cambaridae, Nordhalbkugel) und jene der Parastacoidea (Parastacidae, Südhalbkugel). Die in Europa ursprünglich vorkommenden Arten gehören allesamt zur Familie der Astacidae, darin wird wiederum zwischen den Gattungen Astacus und Austropotamobius zu unterschieden.

Während Nordamerika (ca. 380 Arten) und Australien (ca. 150 Arten) eine sehr große Artenvielfalt aufweisen, können in Europa nur sehr wenige Arten (s.u.) angetroffen werden. Dies dürfte insbesondere auf die große Nord-/ Südbarriere des Alpenbogens zurückzuführen sein, die vor bzw. während der letzten Eiszeit viele nördlich davon angestammten Arten mangels südwärts gerichteter Ausbreitungsmöglichkeit aussterben ließ (während eine vergleichbare Barriere in Nordamerika nicht besteht).

Jene Arten, die die Eiszeiten in Europa überlebten, dürften diese ganz überwiegend in südlich gelegenen Rückzugsgebieten in Italien, Spanien, Griechenland, auf dem Balkan und in der Türkei überdauert haben. Von dort aus begannen sie die Rekolonisierung der nördlichen Teile Europas nach dem Ende der letzten Eiszeit über die großen Flusssysteme. Und dennoch, neuere Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass kleinräumig auch Populationen in nördlichen Bereichen überlebt haben könnten (in sog. Mikrorefugien). Die nacheiszeitliche Ausbreitung aller verbliebenen Stränge im Laufe der Jahrtausende führte zum heutigen Verbreitungsmuster der europäischen Flusskrebse.

Folgende europäische Flusskrebsarten sind – in erster Linie basierend auf morphologischen Kennzeichen – bereits seit Langem beschrieben bzw. anerkannt:

  • Edelkrebs (Astacus astacus, Linnaeus 1758)
  • Galizischer Sumpfkrebs (Astacus leptodactylus, Eschscholz 1823)
  • Russischer Flusskrebs (Astacus pachypus, Rathke 1837)
  • Dohlenkrebs (Austropotamobius pallipes, Lereboullet 1858)
  • Steinkrebs (Austropotamobius torrentium, Schrank 1803)

 

Der Edelkrebs wird als die mittel- und nordosteuropäische, der Galizier als die osteuropäische, der Dohlenkrebs als die mittel- und südwesteuropäische und der Steinkrebs als die mittel- und südosteuropäische Art angesehen. Der Russische Flusskrebs kommt ausschließlich in der Schwarzmeerregion vor.

Jüngere Forschungsergebnisse, die auf genetischen Analysen basieren, erschütterten dieses klare Artenbild für einige der europäischen Arten mittlerweile. So gilt der Dohlenkrebs mittlerweile als Artenkomplex bestehend aus den Arten A. pallipes und A. italicus, wobei für letztere die genetischen Sublinien A. i. italicus, A. i. carsicus und A. i. carinthiacus beschrieben wurden. Auch für den Steinkrebs wurde im nördlichen Balkanraum ein erhöhtes genetisches Differenzierungsmuster nachgewiesen, das die Existenz von Subspezies nicht ausschließen lässt und wurde im Jahr 2018 in Rumänien eine neue Art als Austropotamobius bihariensis beschrieben, die mit dem mitteleuropäischen Steinkrebs sehr nahe verwandt ist.

Das natürliche Verbreitungsmuster der europäischen Flusskrebse wurde durch den Einfluss des Menschen während der vergangenen Jahrhunderte z.T. deutlich verändert. So geht aus historischen Aufzeichnungen klar hervor, dass Flusskrebse bereits im Mittelalter gehandelt wurden und ein intensiver Besatz stattfand. Diesbezüglich nahmen die Herrscherhäuser und Klöster eine bedeutende Rolle ein. Im Wesentlichen traf dies für jene Arten zu, die für Speisezwecke von Relevanz waren, d.h. den Edel-, den Dohlen- sowie den Galizischen Sumpfkrebs. Man geht sogar davon aus, dass etwa der Dohlenkrebs nur auf Grund des Menschen heute in Großbritannien und Irland vorkommt. Der Steinkrebs war diesbezüglich hingegen kaum von Interesse, weshalb für diese Art das angenommene natürliche sowie das heutige tatsächliche Verbreitungsgebiet weitestgehend übereinstimmen.

In den vergangenen Jahrzehnten haben moderne wissenschaftliche Methoden ganz entscheidend zum Erkenntnisgewinn im Hinblick auf die Systematik, die Phylogenie und die Populationsgenetik der europäischen Flusskrebse beigetragen. Gestützt auf die Ergebnisse unzähliger phylogenetischer und biogeographischer Studien ist eine Rekonstruktion sowohl der natürlichen Rückeroberungswege als auch des Einflusses des Menschen auf das heutige Verbreitungsbild auf dem europäischen Kontinent möglich.

Funktionelle Anatomie:

Körperbau:

Die optisch auffallendsten Körperabschnitte der Flusskrebse sind das Kopfbruststück (Cephalothorax), das von einem Panzerschild (Carapax) überzogen ist, der Hinterleib (Pleon) sowie die mächtigen Scheren (Abbildung 1). Die Scheren entsprechen dem ersten Laufbeinpaar und dienen dem Krebs zum Festhalten von Nahrungsteilen, zur Verteidigung gegenüber Artgenossen und Feinden. Manche Arten setzen sie auch zum Graben von kleinen Wohnhöhlen ein. Das Hochheben der Scheren gegenüber potentiellen Feinden stellt eine Droh- bzw. Verteidigungsgebärde dar. Schließlich ist anzunehmen, dass Männchen mit großen Scheren einen Konkurrenzvorteil bei der Paarung bzw. Partnerwahl haben.

Männchen haben in der Regel größere Scheren als Weibchen, was einer von mehreren Aspekten des sexuellen Dimorphismus ist (= Unterscheidbarkeit der beiden Geschlechter anhand äußerer Merkmale). Dies ist allerdings erst nach der Geschlechtsreife der Tiere erkennbar (je nach Art ab dem 3. bis 4. Lebensjahr).

Abb. 1: Wichtige Körperregionen und –teile für die Flusskrebsbestimmung (Foto Christian Berger).

Ein weiteres, ebenfalls nach der Geschlechtsreife erkennbares, Unterscheidungsmerkmal von Männchen und Weibchen ist die Form des Hinterleibs: dieser ist bei Weibchen deutlich verbreitert. Diese Verbreiterung ist funktionsbedingt, da die Weibchen die Eier mit den heranreifenden Embryonen an der Unterseite des Hinterleibs anheften und über mehrere Monate mit sich tragen.

Auch auf dem Pleon ist pro Segment ein Extremitätenpaar, die sog. Pleopoden, vorhanden. Dies kann als ein ursprüngliches Arthropodenmerkmal angesehen werden, da primitive Arthropodentaxa ein Extremitätenpaar pro Segment aufweisen.

Männchen und Weibchen sind auch dadurch unterscheidbar, dass erstere bauchseits im Übergangsbereich zwischen Pleon und Cephalothorax zwei Paar sog. Gonopoden (Abbildung 2, links) aufweisen, während dies bei Weibchen nicht der Fall ist. Mit diesen Gonopoden werden bei der Begattung die Spermienpakete auf der Bauchseite des Weibchens deponiert.

Abb. 2: links: Flusskrebs-Männchen mit Gonopoden, rechts: Flusskrebs-Weibchen ohne Gonopden (Fotos: Christian Berger).

Die vier Laufbeinpaare (hinter den Scheren) dienen dem Krebs primär zur Fortbewegung. Damit kann er sich vorwärts, rückwärts aber auch seitwärts bewegen. Die vorderen zwei dieser Laufbeinpaare tragen ebenfalls kleine Scheren, mit denen Nahrungsteile festgehalten und zerkleinert werden können. Das vierte und fünfte Beinpaar hat dagegen keine Scheren.

Weit schneller als mit den Schreitbeinen bewegt sich der Krebs jedoch durch eine rückwärtsgerichtete Schwimmbewegung: ein mehrmaliges, blitzartiges Einklappen des Hinterleibs ermöglicht dem Krebs eine schnelle, erstaunlich zielgerichtete Flucht nach hinten.

Der Kopf schließt nach vorn hin mit der „Nase“ (Rostrum) ab, einem zugespitzten Schild, unter das die Augen eingezogen werden können. Die Spitze dieser Nase ist der sog. Apex. Die Form und Gestalt von Rostrum und Apex ist eines von mehreren zentralen Artbestimmungsmerkmalen. So verlaufen beispielsweise die Längsseiten des Rostrums beim Edelkrebs und Galizischen Sumpfkrebs eher parallel und ist der Apex deutlich abgesetzt. Bei Dohlen- und Steinkrebs laufen die Längsseiten demgegenüber zu einem Dreieck zusammen und ist der Apex weit weniger abgesetzt (Abbildung 3).

Abb. 3: Artspezifische Form des Rostrums von Edelkrebs (links) und Dohlenkrebs (rechts) (Fotos: links Christian Berger, rechts Rainer Kühnis).

Bauchseits weisen Flusskrebse sehr komplexe Mundwerkzeuge auf. Diese sind meist mehrgliedrig und die einzelnen Teilglieder erfüllen verschiedene Funktionen. Die Mundwerkzeuge sind von vorne nach hinten betrachtet nachtstehende:

  • Labrum: unpaares Mundwerkzeug mit Hautdrüsen zur Absonderung einer öligen Flüssigkeit.
  • Mandibel: stark verkalkte Kaulade.
  • Labium: paarige Mundwerkzeuge, die ebenfalls ölige Flüssigkeit während Fressvorgang absondern.
  • Maxillulae: mehrteilige, paarige Mundwerkzeuge zum Abschaben und zum Manipulieren von Nahrungsteilen; außerdem Schutzklappe für Kiemenkammer.
  • Maxillae: mehrteilige, paarige Mundwerkzeuge zum Manipulieren und Kneten von Nahrungsteilen und Erzeugen von Nahrungsstrom; Schutzklappe für Kiemenkammer; Filter zum Einfangen von Partikeln.
  • Maxillipeden 1: mehrteilige, paarige Mundwerkzeuge zum Abschaben und zum Manipulieren von Nahrungsteilen; außerdem Schutzklappe für Kiemenkammer; Filter zum Einfangen von Partikeln.
  • Maxillipeden 2+3:Festhalten, Zerreißen, Schneiden, Abschaben und Selektieren von Nahrungsteilen; Erzeugen von Nahrungsstrom; Filtern von Partikeln; Reinigung anderer Mundwerkzeuge.

 

Wahrnehmung:

Neben einem Paar gestielter Augen, die der optischen Wahrnehmung dienen, besitzen die Krebse zwei unterschiedlich lange Antennenpaare. Mit diesen tasten sie zum einen den Boden ab (mechanosensorisch), die Antennen dienen aber auch der Chemosensorik, d.h. der Wahrnehmung von stofflichen Reizen.

Atmung:

Die Atmung der Flusskrebse erfolgt mittels Kiemen. Neben den Kiemen in der Kiemenhöhle weisen auch einige der oben genannten Mundwerkzeuge Kiemenäste auf. Die Kiemenhöhle ist der Raum zwischen eigentlicher Körperaußenwand und der Wand des Carapax, welcher das Kopfbruststück überzieht. Pro Thorakalsegment sind mehrere Kiemenäste vorhanden. Im Allgemeinen weisen sumpfbewohnende Krebse, die immer wieder Landgänge machen, größere Kiemen (und damit einen größeren Kiemenraum) auf, als Arten, die das Wasser in der Regel nicht verlassen. Dieser Unterschied lässt sich am Rücken der Tiere erkennen: während die Nähte der Areola (Kiemenansatz) bei ersteren sehr nahe beisammen liegen, liegen sie bei letzteren etwas auseinander.

Vorne und hinten weist die Kiemenhöhle jeweils eine Öffnung auf, was einen Wasserstrom ermöglicht. Dieser Wasserstrom wird zum einen mittels der Maxillen erzeugt, zum anderen auch durch aktives Bewegen der Kiemenäste.

Im Gegensatz zu den Fischen weisen die Kiemen der Krebse eine Art Außenskelett auf. Dank diesem „verkleben“ die Kiemenlamellen nicht binnen kurzer Zeit, wenn ein Tier das Wasser verlässt. Aus diesem Grund können Krebse auch bei längeren Landgängen (=aktives Verlassen des Gewässers) beobachtet werden. Solange die Kiemen feucht sind, droht dem Krebs keine Erstickungsgefahr. Bei direkter Sonneneinstrahlung kann sich der Panzer jedoch schnell erwärmen und drohen die Kiemen auszutrocknen.

Fortpflanzung:

Die europäischen Flusskrebse sind getrenntgeschlechtlich. Die Paarung von Männchen und Weibchen findet zwischen Mitte Oktober und Anfang November statt. Während des Paarungsvorgangs wird das Weibchen durch das Männchen auf den Rücken gedreht. Anschließend steigt das Männchen auf das Weibchen und setzt über den Geschlechtsöffnungen die Spermatophoren frei. Diese werden mit Hilfe der Gonopoden im Bereich des Sternums zwischen den Schreitbeinen deponiert und härten rasch aus. Einige Stunden später beginnt das Weibchen mit der Befruchtung. Hierzu legt es sich auf den Rücken und schlägt das Abdomen ein, um eine Brutkammer zu bilden. Darin entlässt es zuerst einen Schleim aus den Eiweißdrüsen, der die Spermatophoren chemisch auflöst und anschließend die Eizellen aus den Gonoporen. Es kommt zur Befruchtung der Eizellen. Anschließend werden die Eier mit einem Stielchen an den Schwimmfüßchen des Pleons angeheftet.

In weiterer Folge trägt das Weibchen diese über mehrere Monate mit sich. Erst im Mai/Juni schlüpfen dann die Jungtiere am Muttertier (Abbildung 4). Diese bleiben bis zur ersten Häutung auf dem Muttertier und verlassen dieses erst im Anschluss daran. Für einen guten Halt sorgen eigens „Haken“ an den Scheren der Jungtiere, die sie ab der ersten Häutung nicht mehr aufweisen. Über die gesamte Zeit betreibt das Weibchen eine Pflege der Eier bzw. der Jungtiere („Brutpflege“). Weibchen sind während dieser Zeit wenig aktiv und halten sich überwiegend in Verstecken auf.

Abb. 4: Edelkrebs-Weibchen mit Jungkrebsen an Unterseite des Hinterleibs (Foto: Christian Berger).

Wachstum:

Flusskrebse besitzen einen harten Panzer aus Chitin, so wie ihn z.B. auch Insekten besitzen (sog. „Exoskelett“), der ihnen einen mechanischen Schutz bietet. Ein solcher harter Panzer macht jedoch ein sukzessives Wachsen, wie wir es z.B. von Wirbeltieren kennen, unmöglich. Daher geschieht der Wachstumsvorgang bei den Flusskrebsen in Wachstumsschüben, die sog. Häutungen bedingen. Dies ist wörtlich zu verstehen, da die Flusskrebse sich, um wachsen zu können, ihres Panzers für eine kurze Zeit entledigen müssen. Damit dies überhaupt möglich ist, wird aus dem Panzer eine große Menge Kalk absorbiert und im Körper als sog. Kalksteinchen eingelagert (s. Abbildung 5). Der Körper wird anschließend unter großer Anstrengung immer wieder „aufgepumpt“ und verbogen, bis sich eine Bruchstelle an der Rückennaht bildet. Durch diese Bruchstelle, welche sukzessive vergrößert wird, schlüpfen die Tiere aus ihrer alten Außenhaut heraus. In dieser panzerlosen Phase sind die Krebse weich und werden daher vielfach „Butterkrebse“ genannt. Dies steht also nicht für eine bestimmte Krebsart, sondern beschreibt ausschließlich den Zustand eines jeden Flusskrebses während der Häutung. Butterkrebse sind besonders angreifbar für Feinde und Artgenossen.

In der Phase der weichen Außenhaut pumpen die Krebse ihren Körper durch Flüssigkeitsaufnahme auf (Volumensvergrößerung) – was der eigentliche Wachstumsvorgang darstellt – und leiten daraufhin wieder die Härtung des Panzers ein. Dies geschieht einerseits durch Auflösen der Kalksteinchen im Magen und anschließender Resorption des Kalks im Körper, andererseits durch Aufnahme weiteren Kalks über das Wasser.

Abb. 5: Sog. „Kalksteinchen“, in denen der im Panzer gespeicherte Kalk während der Häutung vorübergehend konzentriert wird (Foto: Christian Berger).

Die Häufigkeit der Häutungen verändert sich im Laufe eines Krebslebens. Im ersten Jahr müssen die Sömmerlinge schnell an Gewicht und Größe zunehmen und häuten sich daher 6 bis 8 Mal. Im zweiten Sommer erfolgt die Häutung nur mehr 4 bis 6 Mal, im dritten Jahr noch seltener. Ausgewachsene Männchen häuten sich 1-2 Mal pro Jahr, Weibchen meist nur mehr 1 Mal.

Ernährung:

Heimische Flusskrebse sind im Allgemeinen Allesfresser. Ihr Nahrungsspektrum reicht von Algen, Makrophyten über Schnecken, Würmer, Muscheln und Gewässerinsekten bis hin zu verendeten größeren Tieren (z.B. Fische, Bisamratten, etc.). Auch Kannibalismus, d.h. das Auffressen von Artgenossen, wird bei Flusskrebsen häufig beobachtet. In der kühleren Jahreszeit stellt das herabfallende Laub, Rinde und Wurzeln auch eine wichtige Nahrungsquelle dar.

Durch den Umstand, dass auch abgestorbenes Material nicht verschmäht wird, was eine gewisse gewässerhygienische Wirkung hat, haben die Flusskrebse den Beinamen „Gewässerpolizei“ erhalten.

Auch wenn Flusskrebse Allesfresser sind, so haben Studien über das Ernährungsverhalten alters- bzw. lebensphasenbedingte Unterschiede gezeigt. So zeigen die Jungtiere europäischer Arten häufig eine klare Präferenz für tierische Nahrung, während adulte Tiere verstärkt Pflanzenmaterial und Detritus zu sich nehmen.

Auf die Biozönose nehmen Flusskrebse in mehrfacher Hinsicht Einfluss. Zum einen zerkleinern sie größeres Pflanzenmaterial und machen es so für Gewässerinsekten besser verfügbar. Zum anderen sind sie Prädatoren der oben genannten Tier- und Pflanzengruppen und haben somit einen Einfluss auf deren Vorkommen und Abundanz. Schließlich verändern sie durch artspezifische Präferenzen für bestimmte Pflanzenarten und ihre Grabtätigkeit das Gewässer als solches. Im Ergebnis haben Flusskrebse somit eine wichtige Rolle in ihrem Lebensraum und die darin vorkommende Zönose.

Lebensweise:

Heimische Flusskrebse bewohnen Fließgewässer und Seen und haben eine nachaktive Lebensweise. Untertags halten sie sich überwiegend in ihren Verstecken auf (in Erdlöchern, unter Steinen oder im Bereich unterspülter Wurzelstöcke). Erst mit Beginn der Dämmerung verlassen sie diese und bewegen sich im gut einsehbaren Gewässerbereich. Die Nachtzeit wird etwa zur Nahrungssuche und zur Fortpflanzung genutzt.

Weltweit gesehen reicht das Spektrum der besiedelten Lebensräume und der Lebensweise von Flusskrebsen natürlich viel weiter. So sind Bewohner von Höhlen, Grundwasserzonen oder Feuchtgebieten bekannt und wurden tunnelgrabende Flusskrebse beschrieben. Des Weiteren gilt auch nicht für alle Flusskrebse die nachaktive Lebensweise, sondern wurden zahlreiche tagaktive Arten beobachtet. Dies trifft beispielsweise auch auf zwei in Europa vorkommende, nicht heimische Arten zu, den Signalkrebs und den Amerikanischen Sumpfkrebs.

Arterkennung /-beschreibung:

Folgende Merkmale sind im Allgemeinen zur Unterscheidung verschiedener Flusskrebsarten hilfreich:

  • Körpergröße (nur bei ausgewachsenen Tieren relevant)
  • Färbung der Scherenunterseite
  • Körnung der Scherenoberseite Ja/Nein
  • Färbung des Scherengelenks und der Scherenspitzen
  • Größe und Form der Scheren
  • Dorn an Innenseite des Carpus Ja/Nein
  • Form / Ausprägung des Rostrums (s. Abbildung 6)
  • 1 oder 2 Paar Augenleisten (s. Abbildung 6)
  • Bedornung vor und hinter Nackenfurche Ja/Nein (s. Abbildung 6)
  • Gestalt der Nackenfurche

Abb. 6: Schematische Darstellung verschiedener, für die Artbestimmung relevanter Merkmalsausprägungen des Rostrums (Schematische Darstellung: Christian Berger).

Im Hinblick auf die Färbung von Flusskrebsen ist anzumerken, dass diese höchstens ein Indiz für eine bestimmte Art ist, sich als Merkmal zur sicheren Bestimmung aber nicht eignet. Je nach Art, Alter und Lebensraum trifft man in einer Population derselben Art auf hell- oder dunkelbraun oder auch bläulich oder grünlich gefärbte Individuen.

Nachstehend finden Sie kurze Artbeschreibungen zu im deutschsprachigen Raum vorkommenden Flusskrebsarten (heimische und nicht heimische):

Heimisch:

 

Teilweise heimisch:

 

Nicht heimisch:

 

Gefährdung:

Gewässerlebensräume gehören zu den am meisten gefährdeten Ökosystemtypen. Hauptursachen dafür waren früher die Gewässerverschmutzung sowie die Gewässerregulierung (harter Verbau, Entwässerungsmaßnahmen, Einhausung von Gewässerabschnitten, etc.).

Diese Maßnahmen stellten auch für die in Europa heimischen Flusskrebsarten eine Beeinträchtigung dar, da sie den Verlust von geeigneten Lebensräumen bedeuteten. Darüber hinaus wurden die Bestände z.T. auch durch intensiven Fang deutlich dezimiert. Zwischenzeitlich wurden zwar deutliche Verbesserungen im Hinblick auf den Gewässereintrag erzielt. Dennoch stehen die Fließgewässer – und damit auch Flusskrebse – nach wie vor unter einem großen Druck.

Dies hatte zur Folge, dass die europäischen Flusskrebsarten weitläufig als gefährdet gelten und folglich fanden sie in vielen Ländern Eingang in die Roten Listen. Während früher die eingangs genannten Faktoren die Hauptursachen für das Verschwinden von Populationen waren, gilt heute das Auftreten nicht heimischer, vor allem US-amerikanischer Arten als das größte Problem. Es ist belegt, dass bereits vor über 100 Jahren Besatzmaßnahmen mit dem Kamberkrebs und in den 1960er Jahren mit dem Signalkrebs in Europa stattfanden. Zum Teil diente dies dem Ziel, Ausfälle heimischer Populationen zu kompensieren. Der Besatz hatte jedoch fatale Folgen: Nicht nur erweisen sich diese nicht heimischen Arten teilweise als sehr konkurrenzstark verdrängen damit europäische Arten sukzessive. Viele nordamerikanische Arten sind außerdem Überträger der sog. Krebspest. Hierbei handelt es sich um eine durch den Oomycet Aphanomyces astaci verursachte Krankheit, gegen die europäische Flusskrebsarten in den ganz überwiegenden Fällen keine Resistenzen bilden können und es daher in der Regel zur Auslöschung einer infizierten Population binnen kurzer Zeit kommt. Auf unserer Seite finden Sie einen detaillierten Artikel zur Krebspest.

In der jüngeren Vergangenheit wird das Problem nicht heimischer Flusskrebsarten zusätzlich durch den Aquarienhandel verschärft. So ist zu beobachten, dass Arten, die in der Aquaristik eine Rolle spielen, immer wieder in der Natur ausgesetzt werden und sich Populationen etablieren können. Das prominenteste Beispiel hierfür dürfte der Marmorkrebs (Procambarus fallax) sein. Für diese Art ist nicht mit Sicherheit geklärt, ob sie in den USA überhaupt natürlicherweise Bestände bildet. Der Marmorkrebs ist aber eine sehr beliebte Art in der Aquaristik und ist aller Wahrscheinlichkeit nach auf diesem Weg nach Europa gekommen. Obwohl die Art eigentlich eher an hohe Wassertemperaturen angepasst ist, hat sich überraschenderweise gezeigt, dass in der Natur ausgesetzte Individuen die kalten europäischen Winter überleben und Bestände bilden können. Die Ausbildung solcher Populationen wird noch dazu dadurch erleichtert, dass die Art zur Jungfernzeugung fähig ist, d.h. dass die Weibchen ohne Vorhandensein von Männchen eine große Anzahl an Nachkommen produzieren können. Gerade dieser Fall zeigt sehr eindrücklich, welche Auswirkungen ein verantwortungsloser Umgang mit Aquarientieren in der Natur haben kann.

 

Literatur:

Eder E. und Hödl W. (Eds.), 1998. Flusskrebse Österreichs. Stapfia 58, Kataloge des OÖ Landesmuseums, Österreich.

Füreder L. (Ed.), 2009. Flusskrebse. Biologie – Ökologie – Gefährdung. Folio Verlag Wien/Bozen und Naturmuseum Südtirol.

Gouin N., Grandjean F. und Souty-Grosset C., 2006. Population genetic structure of the endangered crayfish Austropotamobius pallipes in France based on microsatellite variation: biogeographical inferences and conservation implications. Freshwater Biology 51: 1369-1387.

Grandjean F., Frelon-Raimond M. und Souty-Groset C., 2002. Compilation of molecular data for the phylogeny of the genus Austropotamobius: one species or several? Bulletin Français de la Pêche et Pisciculture 367: 671-680.

Holdich D. M. (Ed.), 2002. Biology of freshwater crayfish. Blackwell Sciences Ltd, Oxford, UK.

Jelić M., Klobučar G., Grandjean F., Puillandre N., Franjević D., Futo M., Amouret J. und Maguire I., 2016. Insights into the molecular phylogeny and historical biogeography of the white-clawed crayfish (Decapoda, Astacidae). Molecular Phylogenetics and Evolution 103, 26-40.

Kouba, Petrusek und Kozák, 2014. Continental-wide distribution of crayfish species in Europe: update and maps. Knowledge and Management of Aquatic Ecosystems 413, 05.

Lukhaup C. und Pekny R., 2003. Süßwasserkrebse aus aller Welt. Dähne Verlag GmbH, Ettlingen, Deutschland.

Pârvulescu L., 2019. Introducing a new Austropotamobius crayfish species (Crustacea, Decapoda, Astacidae): a Miocene endemism of the Apuseni Mountains, Romania. Zoologischer Anzeiger 279: 94-102.

Schrimpf A., Theissinger K., Dahlem J., Maguire I., Pârvulescu L., Schulz H. und Schulz R., 2014. Phylogeography of noble crayfish (Astacus astacus) reveals multiple refugia. Freshwater Biology 59: 761-776.

Schubart C.D. und Huber M.G.J., 2006. Genetic comparison of German populations of the stone crayfish, Austropotamobius torrentium (Crustacea: Astacidae). Bulletin Français de la Pêche et Pisciculture 380-381, 1019-1028.

Souty-Grosset C., D. M. Holdich, Noël P. Y., Reynolds J. D. und Haffner P. (Eds.), 2006. Atlas of Crayfish in Europe. Muséum national d`Histoire naturelle, Paris, France (Patrimoines naturels, 64).

Trontelj P., Machino Y. und Sket B., 2005. Phylogenetic and phylogeographic relationships in the crayfish genus Austropotamobius inferred from mitochondrial COI gene sequences. Molecular Phylogenetics and Evolution 34: 212-226.